NaturPlus-Fischingen

ein aktiver Naturschutzverein im Hinterthurgau

Ruderal

naturnahe Gärten

Die grüne Mütze auf dem Dach und Strassen

RUDUS
heisst soviel wie Klumpen, Brocken und im übertragenen Sinn Steinbrocken, Kies, Schotter, Schutt. Gemeint sind damit Flächen, welche natürlicherweise auf Kiesbänken von Flüssen, durch Erdrutsche oder Geröllstürze entstehen und auch von Zeit zu Zeit wieder umgebrochen und bewegt werden. Nach der Begradigung und Eindämmung der meisten Flussläufe und Kultivierung des Mittellandes sind solche Flächen nur mehr sehr selten anzutreffen. Da sie aber eine sehr spezielle Pionier-Flora und -Fauna beherbergen, ist es eine wichtige Aufgabe, wo immer möglich, solche Standorte wieder herzustellen. Dazu bieten sich Flachdächer und Strassenbegleitflächen geradezu an. Auf einfache Weise entstehen neue interes-sante Lebensräume und auch der Mensch profitiert.

DIE GRÜNE MÜTZE: DACHBEGRÜNUNGEN LOHNEN SICH!

Selten kann man auf so viel Erfahrung und Tradition zurückgreifen, wie dies bei Dachbegrünungen der Fall ist. Die ältesten Berichte über Dachterrassen stammen aus dem 9 Jahrhundert vor Christus! Auch im antiken Rom richtete man aufgrund mangelnder Grundstückflächen Gärten auf dem Dach ein. In südlichen Ländern erfüllten begrünte Flachdächer eher die Funktion von zusätzlichem Wohnraum und zum Auffangen von Regenwasser, in nördlichen Ländern hingegen standen die Isolationswirkung und Ableitung von Regenwasser im Vordergrund. So sind schon seit Jahrhunderten die geneigten kanadischen Grassodendächer, die skandinavi-schen Grasdächer und die isländischen Torfsodenhäuser bekannt.


Heute sind wir in der komfortablen Lage, das eine mit dem anderen verbinden zu können. Zusätzlich bringen begrünte Dächer mit Erdsubstrat noch weitere Vorteile für Mensch und Natur:

• Nachweisbare Klimaverbesserung in Städten; indem Regenwasser nur langsam abfliesst oder verdunstet, wird sommerliche Umgebungshitze reduziert.
• Rückhaltewirkung für Niederschlagswasser: Spitzen-Abflussmengen vermindern sich gegenüber einem Kiesdach von 97 Prozent auf 37 Prozent bei 10 cm Substratmächtigkeit.
• Darunter liegende Räume werden im Sommer bis zu 4 Grad weniger aufgeheizt und kühlen im Winter weniger aus.
•Gute Schalldämmung, bei 12 cm Substratmächtigkeit bis 40 DB.
• Bei Dächern mit Aufsicht sind es auch ästhetische Gesichtspunkte, die zählen.
• Dachbegrünungen wirken als Staub- und Schadstofffilter.
•Die „Dachhäute“, Kunststofffolien zum Schutz und zur Abdichtung der Dachkonstruktion, werden vor UV-Strahlung abgeschirmt und sind damit langlebiger.
• Je nach Substrat sind Dächer willkommene Standorte für Pflanzen der Trockenwiesen und Ruderalstandorte, welche sonst kaum mehr Lebensraum finden.
• Auf extensiv begrünten Dächern bildet sich allmählich eine interessante Pflanzen- und Kleintier-Vielfalt aus; es sind Trittsteinbiotope für geflügelte Insekten, Schmetterlinge und Vögel.

Mit extensiv begrünten Flachdächern geben wir der Natur ein Stück überbauten Boden zurück.
Viele seltene Pflanzen und Tiere wurden auf solchen Flachdächern schon gefunden. Sogar die beiden Rote-Liste-Vögel Braunkehlchen und Kiebitz brüten auf extensiv begrünten Flachdächern. Für die jungen Kiebitze braucht es unbedingt kleine Wasserstellen und höhere Erdschichten, damit sie genügend Insektenfutter finden, denn sie müssen sich vom ersten Tag an selber ernähren.

Eignung von Dächern

Flachdächer oder geneigte Dächer bis ca. 45° eignen sich vorzüglich zur Begrünung.
Letztere müssen jedoch mit speziellen rutschhemmenden Vorrichtungen versehen werden.

Dachbegrünungen und natürlich besonders das Substrat, welches dafür nötig ist, hat ein eigenes Gewicht. Das heisst, der Unterbau muss entsprechend angepasst sein. Die Statik bei Altbauten soll von Fachleuten sorgfältig geprüft und beurteilt werden. Neubauten sind entsprechend zu planen und zu konstruieren. Auch kleine Dächer von Garagen, Unterständen, Geräteschuppen, Gartenhäuschen usw. lohnen sich, begrünt zu werden.

Ansprüche an das Substrat

Vom aufgebrachten Substrat hängt es ab, wie sich das Dach später begrünen lässt. Wer nicht gerade Gemüse pflanzen oder einen exotischen Garten anlegen möchte, braucht keinesfalls Humus. Er ist zu nährstoffreich, zu viele zu grosse Pflanzen würden sich ansiedeln. Samen von Weiden, Birken, Erlen warten nur darauf, auf solchen Dächern keimen und wachsen zu können. Aber auch das gerne benutzte nährstofflose Blähton-, Blähschiefer-, Lava-, Bimsstein-Substrat, welches einfach und günstig aufzubringen ist, eignet sich schlecht. Das Pflanzenwachstum ist spärlich, in der Sommerhitze verbrennt alles und die federleichten Teile werden gerne vom Dach geweht.

Gestaltung

Auf Dächern herrschen extreme klimatische Verhältnisse. Das Substrat wird deshalb mit Vorteil nicht flach, sondern modelliert aufgebracht. Kleine Hügel über tragenden Wänden von bis zu 30 cm Höhe ermöglichen Pflanzensamen und Kleintieren ein Überleben auch bei grosser Hitze oder Eiskälte. Stellen dazwischen von nur 6 bis

8 cm Substrathöhe verhindern das Überhandnehmen von stark wüchsigen Pflanzen. Hier gedeihen fast nur Sedum und Hauswurz mit ihren dicken, wasserspeichern-den Blättern. Auch grössere Steine und schwere Holzstücke bilden, wo es die Statik erlaubt, willkommene Strukturen, in deren Schatten sich wiederum andere Pflanzen-arten ansiedeln werden.

Bepflanzung

Auf Substrat von 6 bis 8 cm können Hauswurz und Sedum gedeihen. Diese bilden allmählich dichte Teppiche, sind immergrün und blühen im Frühsommer intensiv.

Es reicht eine Sprossensaat, das heisst kleine Sedum-Stücke auf die Erde streuen und andrücken. Die prallen Blättchen bilden alsbald feine Wurzeln und dann ganze Pflanzen. Mit Vorteil wählt man dazu eine mehrtägige Regenperiode aus.

Hauswurz gibt es in vielen Varianten. Der lateinische Name von „Sempervivum tectorum“ sagt schon aus, dass er sich aus-dauernd auf Dächern heimisch fühlt.

Auf die höheren Substratschichten kann jede Art von Ruderal- oder Trockenwie-senpflanzen gesät werden (siehe Pflanzenlisten). Sonneneinstrahlung und Schat-tenwurf beobachten. Am besten sät man eine Mischung ein; die Arten, die sich wohl fühlen, werden sich durchsetzen. Saaten zwischen April und Juni haben die grössten Chancen. Da einheimische Wildpflanzen langsam wachsen, braucht es Geduld, bis die ganze Fläche mit Grün bedeckt ist. Ein allfälliges Austrocknen im Sommer schadet nichts, diese Pflanzen haben ihre perfekten Überlebensstrategien und bald beginnt es wieder zu grünen.

Aus Erfahrung ist davon abzuraten, auf stark exponierten Dächern Pflanzensetzlinge einzubringen. Nebst hohen Kosten sind sie ein willkommenes Spielobjekt für Rabenkrähen. Diese sind fähig, in einem Tag viele Dutzend Setzlinge auszuzerren!

Pflege

Sachgerecht angelegte extensiv begrünte Flachdächer sind pflegearm. Es genügt, das Dach einmal jährlich zu begehen und allfällige Baumsämlinge auszureissen. In der Regel sterben sie von selbst ab. Jedoch zur Schonung der Dachhäute ist es besser, sie zu entfernen. Rhizombildende Arten wie Bambus, Schilf, Quecken und Binsen oder Seggen haben auf dem Dach nichts zu suchen, sie könnten die Dachhäute schädigen. Treten solche Pflanzen auf, ist das Substrat auf jeden Fall zu fett und/oder zu nass und kann mit Sand oder feinem Kies ausgemagert werden. Wenn grosse Flächen moosig werden, stimmt der Wasserabzug nicht – Staunässe darf nicht auftreten. Es empfiehlt sich auch, dürre Pflanzenbüschel bis zu 50 cm vom Dachrand, von Dachluken und Einstiegstüren zu entfernen

Strassengrün

Damit sind Kreisel und Grünstreifen gemeint, welche oft entlang von Strassen zur Trennung von Trottoir und Fahrbahn oder Velostreifen angelegt werden. Auch Parkplatzränder oder andere wenig benutzte Flächen eignen sich als Ruderalstand-orte. Anstelle von Humus sollen 40 bis 50 cm Wandkies eingebracht werden. Ansaaten und/oder Setzlinge von Ruderalpflanzen müssen nicht feucht gehalten werden, sie sind pflegeleicht. Allerdings sollten die Flächen alle 3 bis 4 Jahre wieder umgebrochen werden, um das Wachstum von Gras und schnell wachsenden Kräutern, welche den sonnenhungrigen Ruderalpflanzen zu viel Schatten bringen, zu verhindern.

Ruderalflora

.Auch kleinere oder grössere Grünflächen am Strassenrand und „vergessene“ Ecken eignen sich bestens dafür.

Einige Blütenpflanzen, welche gut auf heissen, trockenen und nährstoffarmen Substraten gedeihen

  • Golddistel
  • Zimbelkraut
  • Küchenschelle oder Kuhschelle
  • Färber- Hundskamille
  • Natternkopf

Die Golddistel (Carlina vulgaris) blüht erst im September/Oktober. Über Winter stehen gelassen, erfreut sie noch bis ins Frühjahr mit ihren goldglänzenden trockenen Blüten.

Das Wärme liebende Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) wächst überall, wo es Teppiche bilden oder hochklettern kann. Es braucht nur dunkle Nischen in Steinmauern oder Kies, wo es seine Samenkapseln deponieren kann.

Die Küchenschelle oder Kuhschelle (Pulsatilla vulgaris) ist mit ihren zottigen Trieben eine der ersten Frühjahrsblumen. Sie bleibt jahrelang treu an ihrem Platz.

Natterkopf (Echium vulgare) und Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria) bilden farblich prächtige Kontraste.

Blütenpflanzen auf Ruderalflächen versäen sich und suchen ihre Lieblingsplätze selbst. Stellen mit offenem Boden gehören dazu, damit sich die Pflanzen dynamisch weiter entwickeln können.